Medusa

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Medusa

Ich bin:
alles, was war, was ist und was sein wird, und mein Gewand hat noch kein Sterblicher je abgestreift 

(Inschrift von Sais)

Gorgo-Medusa ist die bedeutendste der drei Gorgonen-Schwestern. Sie ist uns einprägsam aus der griechischen Mythologie bekannt. Es gibt wohl kaum Jemanden, der jene gefährliche Göttin nicht vor Augen hat, mit Schlangenhaaren und todbringendem Blick.
Aber der Ursprung dieser Göttin reicht sehr viel weiter zurück.
Einst, in prä-his-torischer Zeit und noch bis wenige Jahrhunderte vor Christus, wurde sie als sogenannte Mondwechselgöttin verehrt.
In ihr vereinte sich weibliche, mütterliche Kraft, unbezähmbarer Freiheitswille und Wandlungsvollmacht. Ihr Schlangenhaupt war das Zeichen für weibliche Weisheit.
Jene Eigenschaften, wie Fürsorglichkeit aber auch Mut, Wildheit, Verteidigungsbereitschaft – und damit in gewisser Weise auch Bedrohlichkeit – sahen die Menschen in besonderer Weise im Wildschwein verkörpert. Weshalb die Göttin in ihrer ursprünglichen Erscheinung mit langen Zähnen im lachenden Mund dargestellt wurde. Wandlung – also die Fähigkeit zur Veränderung, zu innerem Wachstum und Kreativität, zu neuem Leben aus dem Tode – wurde durch die sogenannte Schwarzmondphase, die unfruchtbare Phase des weiblichen Zyklus, symbolisiert. Sie steht für die sich wiederholenden Lebensphasen, in denen etwas gehen muss. Rückzug, Regeneration, innere Einkehr und Konzentration auf das Wesentliche sind wichtige Vorbereitung, dass Neues entstehen kann. Wie die Schlange die alte Haut abstreift, um Wachstum zu ermöglichen.
Es ist dieser todbringende Aspekt, der die Gorgo so furchteinflößend macht. Ihr ins Auge zu schauen, bedeutet, zu sterben – im wörtlichen wie übertragenen Sinne.
Deshalb findet sich in den alten Darstellungen der Gorgo die Anspielung auf die Mondphasen wieder. Oft erscheint sie mit breitem rundem Gesicht und je zur Hälfte schwarz und weiß bemalt. Zwischen ihren Wildschweinzähnen hängt eine rote Zunge aus ihrem lachenden Mund. Sie steht für das Menstruationsblut der Frauen. Medusa ist die Göttin, die Leben schaffen, aber auch vernichten konnte, wie das magische Blut der Frauen. Auch ihre Flügel waren schwarz, weiß, rot bemalt.
Die Gorgo der griechischen Mythologie verkörpert den ins Bestialische gesteigerten und überzeichneten, zerstörerischen Aspekt der Deifaltigen Göttin.
Der „Mutter aller Götter“.

Diese Große Mutter, wurde als Ursprung allen Lebens und als Gebärerin des Kosmos weltweit von Anbeginn der Menschheit jahrzehntausendelang verehrt. In ihrer Dreifaltigkeit von Jugendlicher Reinheit, mütterlicher Reife und weiser Alter symbolisierte sie Fürsorge, Wandlungsvollmacht und Wiedergeburt des Neuen aus dem Alten, das den ewigen Ratschluss irdischer Kreisläufe beschreibt. Dieses mütterliche Prinzip fand symbolhaft auch in den Farben Weiß, Rot und Schwarz seine Entsprechung. Es war im Einklang mit den täglich entstehenden Notwendigkeiten, mit der Natur und den gelebten Erfahrungen der Menschen.
Mit Beginn der Patriarchalisierung wird diese aus sich selbst entstandene Urmutter in unendlich viele Eigenschaften und Aufgabenbereiche geteilt. Damit entstehen eine Vielzahl von Göttinnenfiguren. Männliche Götter werden nun erfunden. All das ist Ausdruck einer schrittweisen „Entmachtung“. Besser wäre zu sagen, einer Beraubung. Denn die Große Mutter wurde damit ihrer natürlich gewachsenen Autorität beraubt, deren Ursprung in der Verehrung der weiblichen Ahninnenreihe liegt. Es fand also ein langanhaltender Prozess statt, der das Weiblich-Göttliche Schritt für Schritt aufspaltet, verharmlost, vereinnahmt. Wesenszüge werden entstellt, verzerrt und schließlich sogar verspottet oder gar verteufelt. Bishin zu den monotheistischen Religionen, die heute weltweit vorherrschen und die das weiblich Göttliche ganz verneinen. In denen der umfassende und endgültige Sieg des Vaterrechtes seinen ritualisierten Ausdruck findet.

Und so wimmelt es in der grch. Götterwelt, in Märchen , in Hl. Schriften, in Sagen und Mythen jeglicher Art von finster-bösen Weibern, die in ihren zugewiesenen Herr-schaftsbereichen Angst und Schrecken verbreiten.
So wird etwa aus dem unterirdischen Reich der Frau Holle  – in welchem einst die Göttin als weise Alte den Jahreskreis beschließt und die Seelen der Verstorbenen im lichten Garten Immergrün auf ihre Wiedergeburt warten –  die Hölle. Ein Ort der Finsternis und Verdammnis. Und der Gehörnte selbst – aus dessen Symbolik noch die heilige Himmelskuh Hathor spricht – und schließlich das Teuflische und Dämonische werden nun zum charakteristischen Atribut des Weiblichen.

Einen besonders schmerzhaften, aber trefflichen Ausdruck der Verkehrung ursprünglicher Verhältnisse verkörpert die als Widersacherin der Gorgo bekannte Athene. Kaum jemand weiß, dass Medusa und Athene ursprünglich Einunddieselbe sind. Denn „Athene“ war im nordafrikanischen Raum der Name der Göttin, die für den zerstörerischen Aspekt der Dreifaltigen Göttin stand. Ihr verhülltes Abbild war es, das im altägyptischen Sais die obige Inschrift trug. Ihr Name steht für weibliche Weisheit (Sanskrit medha, griechisch metis, ägyptisch maat).
In der griechischen Mythologie aber wird später behauptet, Athene sei aus dem Kopf des Göttervaters Zeus geboren worden. Nachdem er zuvor die Göttin Metis ! verschlungen hatte. Athenes „Geburt“ als Vatertochter wird also durch Aneignung weiblicher Weisheit möglich. Zu der sie selbst jedoch den Zugang verliert, denn sie weiß und will nichts mehr von einer Mutter wissen. Sie wird zur Ausgeburt, zur Göttin der Kampfstrategie und des Krieges. Die keine Mutter mehr kennt noch braucht.
„Es gibt auch ohne Mutter Vaterschaft. Hier steht
Als Zeuge da die Tochter des Olympiers Zeus,
Die, nicht genährt in eines Schoßes Finsternis,
Doch herrlich ist wie keiner Göttin leiblich Kind.“ (Orestie)
Athene nun lassen die Mythografen mit Medusa um den Preis der Schönheit streiten. Wobei unschwer zu erkennen sein sollte, worum hier eigentlich gestritten wird. Ja selbst die unlauteren Mittel jenes bewusst in Ausführlichkeit inszenierten Kampfes und die daraus entstehenden Folgen sind offensichtlich.
Diese beiden Frauen, im Ring wie im wirklichen Leben als Widersacherinnen gegeneinander aufgestellt, tragen den gewünschten Kampf der alten Ordnung gegen die neue aus.
Deshalb ist es Athene, die Medusa in ein geflügeltes Ungeheuer mit giftsprühenden Schlangenhaaren, langen Eckzähnen im grimmigen Mund, einem Schuppenpanzer, glühenden Augen und heraushängender, lechzender Zunge verwandelt. In jenen Dämon, den heute ein jedes Kind kennt. Nicht ahnend, dass sie damit sich selbst bekämpft und vernichtet, ihre eigene Lebensvollmacht und die weibliche Weisheit bis zu den Anfängen der Zeit.
Wer fortan also diese „Ausgeburt der Hölle“ erblickte, musste zu Stein erstarren.

Mit Hilfe der Vatertochter Athene gelingt es Perseus im letzten, entscheidenden Kampf, den todbringenden Anblick der Göttin zu vermeiden und sie so zu besiegen. Er erhält von Athene einen spiegelnden Schild in welchem er Medusa sehen kann, ohne ihr direkt ins Antlitz schauen zu müssen.
Was er damit also eigentlich sieht, ist eine – nämlich seine – Projektion. Die nichts mit der wahren Natur der Göttin zutun hat. Ein peinlicher Fehler der Mythografen, könnte man meinen.
So  vermag er, die Gorgo mit seinem Sichelschwert zu enthaupten.
Selbst noch ihr abgeschlagenes Haupt, als Trophäe befestigt am Schutzschild der Athene, bringt jedem den Tod, der es erblickt.
Mit Gorgos Tötung durch Perseus triumphiert die männliche, väterliche Macht über das einst friedliche, mütterliche Weltzeitalter.
Wir nennen es heute den Beginn der Historie.
Die Wiege der Demokratie und des menschlichen Fortschritts.

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Doch das alte Wissen konnte nie ganz unkenntlich gemacht oder verschüttet werden.
Die EINE mit den vielen Namen ging nie ganz verloren.
Und so kann Medusa als Baumgöttin wieder auferstehen. Ihre Dornenkrone lässt noch die Giftschlangen ahnen. Sie wird bevölkert von Gestalt gewordenen Symbolen für weibliches Erleben in der Welt, für die (Wieder-)Aneignung der Symbole durch den weiblichen Blick .
Ihr ehemals grauseliges, totbringendes Haupt hat sich, wie ein archäologisches Fundstück
zu dem rekonstruiert, was es einst war  –
zum bildlichen Ausdruck weiblicher Schönheit und Lebensvollmacht.

Medusa Detail Blog
Medusa / Detail – Gretel und Hänsel

 

 

 

 

 

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