Der Aufruhr des Homunkulus

Homunculus Blog
Der Aufruhr des Homunkulus

Der Aufruhr des Homunculus

Homunculus      –   Der künstlich geschaffene Mensch   – 

Seit der Alchemie des Mittelalters bis zum Klon der Neuzeit ist die Vorstellung vom künstlich geschaffenen Menschen Traum und Horrorvorstellung zugleich.
Homunkulus oder Golem wurden zum Sinnbild für die Ambivalenz menschlichen Strebens.  Sie entwickelten sich zur Metapher  für menschliche Hybris, Technik- und Fortschrittsgläubigkeit, die sich am Ende gegen seine Erfinder selbst richtet.

Homunculus    –   Der kleine Mann  –

Das Wort “Mensch“ (lat. Homo, Mann) ist auf einen indogermanischen prähistorischen Ursprung zurückzuführen. Es beruht auf der Gleichsetzung von Mann und Mensch. Darüberhinaus bedeutet es eine Gleichsetzung von Mann, Mensch und Kultur. Was eine jahrtausendewährende Unterdrückung der Frau zur Folge hatte. Besonders sinnfällig wird das am Beispiel der Menschenrechte, die mit der Französischen Revolution deklariert wurden und die nicht für Frauen galten. Einen kulturellen Gleichstellungsstatus zu erlangen ist deshalb bis heute das Hauptanliegen des Feminismus.
Auch Homunculus, der kleine Mensch, ist also ein kleiner Mann.
Dieser kleine Mensch, dessen “Behausung“ der männliche Samen ist und der im weiblichen “Gefäß“ heranreift ist eine Vorstellung, die ihre Wurzeln ebenso in prähistorischer Zeit hat, in den Umwälzungen der Neolithischen Revolution. Daher wird auch der Begriff  “Samen“ verständlicher, der ja normalerweise alle Anlagen des neuen Lebens bereits enthält. Richtiger müßte man ja sagen, es handelt sich beim menschlichen Samen um Pollen.
Die in den Hirtenkulturen des Neolithikums erstmals gemachte Entdeckung eines männlichen Anteils an der Fruchtbarkeit, führte schon bald zu einer Überschätzung der Bedeutsamkeit des Mannes, des Männlichen, des Väterlichen. Was von da an für alle Lebenszusammenhänge prägend wurde und selbstverständlich auch und gerade in der Sprache, der Muttersprache, der Sprache der Mütter, deutlichen Niederschlag fand.
Wirklich spannend wird es aber, wenn man sich vergegenwärtigt, dass das Wort “Mann“ (man) ursprünglich “Frau“ bedeutete. Die tiefere Wortbedeutung reicht jedoch über die Geschlechtszuordnung weit hinaus. Denn die Silben Man, Mann oder Mana verweisen auf die Mutter, die Große Mutter, also auf jenen langen vorhistorischen Zeitraum, als Vaterschaft noch keine Bedeutung hatte und in der das Weibliche, Mütterliche besondere Wertschätzung erfuhr.
Genauso wie sich also im Man im Mond die Schöpferin aller Wesen, die Mondmutter, wiederentdecken lässt, so kann auch der Aufruhr des Homunkulus, des kleinen Mannes im Kopf  der von männlicher Kultur geprägten Frau, eine ganz eigene, weitreichendere Deutung erfahren.

Homunculus     –   Der Geist im Kopf    –

Viele erkenntnistheoretische Fragestellungen in der Philosophie ranken sich um die Problematik, dass alle Informationen von außen im Kopf zu einem Bild verknüpft werden und erst dann zu Bewusstsein kommen, zu Wahrnehmungen und schließlich zu Handlungen werden.
Dies führte in klassischen Theorien häufig zur  Annahme eines unstofflichen Geistes im Kopf,  dem dieses Bild präsentiert werden muss und der somit unsere Geschicke bestimmt.
Darin wiederum war ein gewisses Unendlichkeitsproblem enthalten. Denn für diesen inneren Geist ist das präsentierte Bild ja wieder eine Information von außen, die als Bild einer inneren Instanz präsentiert werden muss,  usw.
Auch wenn heute etwa die Neurowissenschaft nicht mehr von einem (oder mehreren) lokalisierbaren Hirnarealen ausgeht, in denen die Informationen gleichsam gebündelt werden, ist die Frage nach diesem sogenannten “Bindungsproblem“ nach wie vor nicht gelöst.
Immer deutlicher schält sich aber die Erkenntnis heraus, dass die Dinge die uns überhaupt zu Bewusstsein kommen, den geringsten Teil unserer Entscheidungen ausmachen. Vielmehr sind es Entscheidungen, die unser Unbewusstes bereits für uns getroffen hat, lange bevor wir sie ahnen. Dabei konkurrieren diese auch noch permanent untereinander, so dass es also nicht ein “Ich“ als letzten Entscheidungsträger gibt, sondern eine Vielheit.

Homunculus      – menschlicher Gnom mit sonderbaren Proportionen   –

In der Neuroanatomie wird mit Hilfe des sogenannten sensorischen und motorischen Homunkulus die Repräsentanz der einzelnen menschlichen Körperteile in der Hirnrinde verdeutlicht.
So nehmen etwa sehr sensible und feinmotorisch beanspruchte Körperteile wie Hände oder Zunge eine Vielzahl von Informationen auf, die verarbeitet werden müssen. Ihnen sind also derart große Areale zugewiesen, die in keinem Verhältnis zu ihrer wirklichen, real erfahrbaren Größe stehen. Wird diese Gewichtung der zuständigen Hirnareale nun “zurückübersetzt“ in die Darstellung eines menschlichen Körpers, entsteht das Bild eines Menschleins mit stark verzerrten Proportionen.

 

 

 

 

 

 

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