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Bildbetrachtung zwischen Herz und Verstand

Unser Blick fällt in die Hallenräume eines verfallenden Bauwerkes. Es könnte ein altes Fabrikgebäude sein, erinnert aber auch an eine Kirche.
Im Vordergrund liegen marode Stahlsäulen am Boden, offensichtlich Stützen der Wände und Decken. Ein Schweißer ist in seine Arbeit vertieft. Es wird nicht deutlich, ob er repariert oder demontiert. Ein Engel erscheint als schwebende Gestalt über ihm. Eine Materialisierung aus dem Nichts, bestimmt von nur kurzer Dauer.

Wenn wir annehmen, der Arbeiter repariert die Säule, mit der Absicht diese “weltliche Kirche“ wieder in Stand zu setzen, so könnte der Engel uns sagen:
Seht her, Jener handelt in höherem Auftrag!
Dann ließe allein der Titel „Berufung“ darauf schließen, dass sich der Arbeiter dessen bewusst ist.
Oder, der Engel erscheint dem Schweißer gerade im Augenblick. Jener hat es nur noch nicht bemerkt und würde sich nun erst seines Auftrags bewusst. Wir hätten also als Betrachter einen winzigen zeitlichen Vorsprung und der Moment der Erkenntnis wird erst noch geschehen.
Oder die Erkenntnis geschieht als Prozess im Kopf des Arbeiters während wir hinschauen. Der Engel erscheint dann als eine Art Lesehilfsmittel für den Betrachter. Fast wie eine Sprechblase im Comic.
Vielleicht hat der Engel aber auch lediglich die Aufgabe als Symbol, als Zeichen, für den inneren Ruf des Arbeiters zu stehen, für seine Berufung.

Andererseits wäre auch eine gegenteilige Vorstellung denkbar.
Nun erschiene der Engel mit der Aufforderung sich Anderem, Höherem oder Wahrhaftigerem zuzuwenden, es wäre also eigentlich eine Abberufung. Hintergrund und Vordergrund würden sich dann widersprechen, die vermeintliche Einheit von Profanem und Sakralem wäre wieder aufgehoben. Der Arbeiter würde also bald erkennen, dass er hier nicht am rechten Platz ist. Dass er nicht das Richtige tut, oder dass sein alltägliches Tun nichts mit seinem eigentlichen Auftrag gemein hat. Oder, dass dies hier nicht der richtige Ort ist, um das zu tun was seiner Aufgabe im Leben entspricht.
Wenn wir annehmen, der Arbeiter demontiert die Säule und schließlich das ganze Gebäude, gelten diese Deutungsmöglichkeiten ebenso – nur  sozusagen mit umgekehrtem Vorzeichen.

Wenn wir uns nun noch einmal dem Engel zuwenden, so müssen wir auch seine Deutung als vielschichtig akzeptieren.
Einmal wird uns scheinbar der Engel des Herrn präsentiert, der nach klassischem Vorbild mit den entsprechenden Insignien ausgestattet ist. Er verweist auf den göttlichen überirdischen Glanz – vertreten durch die von oben einfallenden Strahlen der Sonne. Sein Gewand könnte das bildgewordene Versprechen himmlischer Landschaften meinen.
Andererseits nehmen wir auch so etwas wie eine “Schlüssellochfunktion“ wahr. Denn die Transparenz seines überirdischen Leibes ermöglicht uns den Blick in einen anderen Raum, der bei aller Schönheit durchaus irdischer Natur sein könnte. Ausdruck des Metaphysischen und Natürlichkeit scheinen so symbiotisch in wahrhaftiger Transzendenz verbunden.
Deshalb nimmt der Engel vielleicht gar nicht Gestalt an, sondern im Gegenteil sind seine Umrisse in Auflösung begriffen. Er hätte dann tatsächlich eine Art Träger – oder Botenfunktion inne. Seine eigentliche Aufgabe könnte also weniger im Verweis auf ein paradiesisches Jenseits bestehen, als vielmehr in der Andeutung der Heiligung des Alltäglichen und Natürlichen.

Alles pendelt scheinbar zwischen einer Sakralisierung des Irdischen und einer Säkularisierung des Heiligen. Wenn wir so wollen.

Wenn all diese Aspekte sich nun in uns zu einem ganz persönlichen, nur wage fassbaren Gesamteindruck des Bildes formieren, so wird vielleicht ein letzter, bisher verschwiegener Hinweis auf den Ort des Geschehens dieses innere Bild wieder in Frage stellen und wir werden alles neu überdenken müssen, denn…
Die Bühne des Geschehens ist ein ehemaliges Schlachthaus.

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Aber manchmal ist es auch einfach nur so, dass uns ein Bild mit Wucht ergreift. Ganz ohne Worte und Erklärungen. Der Moment der berührenden Versenkung reicht, um augenblicklich zu denken und zu fühlen:
Ja. Stimmt.

Das ist Kunst.

 

 

 

 

 

 

 

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